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„Wann immer wir etwas Neues beginnen, ist unser Blick nach vorne gerichtet und mit der Ungewissheit darüber verbunden, ob wir wohl all den Herausforderungen gerecht werden können, die von nun an auf uns zukommen. In unserer „inneren Welt“ existieren dann Gefühle der Hoffnung und der Zuversicht neben Gefühlen des Zweifels und der Angst“

Prof. Wilfried Datler, 2009 aus: Frühförderung als Beziehungsförderung. Zur Bedeutung mentaler Prozesse für heilpädagogisches Handeln*)

 

Ab dem Zeitpunkt, an dem die Schwangerschaft mit Sicherheit feststeht, beginnt sich das Leben jeder Frau zu verändern und wird nie wieder genauso, wie es bisher war. Nicht nur äußerlich verändert sich die Frau, wenn ihr Bauch wächst, insbesondere die innere Welt der zukünftigen Mutter ist einer Umgestaltung unterworfen 1). Auch ihre Roller innerhalb der Familie verändert sich: sie wird von der Tochter selbst zur Mutter und das in verhältnismäßig kurzer Zeit. So ist es kaum verwunderlich, dass ganz automatisch eine Beschäftigung mit der eigenen vergangenen Kindheit beginnt und viele Fragen aufkommen. 

 

Das Wissen um den alltäglichen Umgang mit Babys und allem was daszu gehört, wurde früher innerhalb der Familien weitergegeben. In den modernen Familienstrukturen verliert aber die Weitergabe von Werten von einer Generation zur nächsten an Bedeutung 2). Abgesehen davon hat sich der Wissensstand um die Säuglingspflege und die Entwicklung von Kleinkindern in den letzten Jahren stark verändert. 

 

Zusätzlich zu dieser Unsicherheit kommt die Mehrfachbelastung, der Eltern ausgesetzt sind. Es werden immer kürzere Karenzmodelle mit immer höherer finanzieller Beihilfe angeboten, um es insbesondere Müttern zu erleichtern, möglichst bald ins Berufsleben zurück zu kehren. Parallel dazu versucht man die Zahl der Krippenplätze wo immer möglich zu erhöhen. Auch in unserer modernen Zeit und trotz Emanzipation ist es nach wie vor so, dass den Großteil der Hausarbeit die Frau erledigt, somit ist jede berufstätige Mutter zumindest dreifachbelastet mit Beruf, Haushalt und Kindern. Kein Wunder, dass das zu Überforderung führt. Es bleibt zu wenig Zeit, die eigenen in sich ruhenden Elternkompetenzen optimal entwickeln zu können. 

 

Eine Mutter, die ihre Kompetenzen entdeckt und entwickelt hat, der es möglich ist, ihr Kind gut kennen zu lernen, die im Umgang mit ihm von Anfang an sicher ist, die aufgrund dessen entspannter und ausgeglichener ist, wird dem Kind feinfühlig gegenübertreten können und wird ihm besser zeigen können, dass sie es liebt und schätz. Entsprechend wird auch die Reaktion des Kindes sein. Ein feinfühliger Umgang in der Erziehung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Bindung zwischen Kind und Eltern sicher ist, was der Entwicklung kindlicher Widerstandsfähigkeit förderlich ist 3) bzw. Verhaltensauffälligkeiten vorbeugt 4).

 

Eltern, denen ihre Kompetenzen bewusst sind, agieren zielgerichtet. Sie werden sich über ihre persönlichen Erziehungsziele bewusster und schaffen es besser, einen Rahmen vorzugeben, innerhalb dessen die Kinder sich individuell entfalten und frei agieren können und sollen, dessen Grenzen aber konsequent und gleichzeitig liebevoll eingehalten werden. Sie sind sich dessen bewusst, dass nicht nur die Erziehung sondern genau so das Vorleben ein Kind prägt. Insofern achten die Eltern auch vermehrt auf ihr eigenes Verhalten, überlegen sich, welche Werte für sie selbst wichtig sind und wie sie diese weitergeben. All das trägt dazu bei, dass das Familienleben respektvoller und harmonischer abläuft. 

 

Kinder dieser Eltern fühlen sich sicher und geborgen, sie kennen die Regeln in ihrer Familie und sehen die Eltern als zuständige Instanz für all ihre Freude, aber auch ihren Kummer und ihre Sorgen. Sie sind sicher an sie gebunden, fühlen sich geliebt und erhalten Aufmerksamkeit. Dieses Erziehungskonzept ist nachhaltig, indem es im Säuglingsalter eine Vertrauensbasis schafft, die während Entwicklungsschüben, Höhen und Tiefen auf gegenseitigem Respekt basiert. Kinder dieser Eltern erhalten Aufmerksamkeit, sie müssen nicht um diese heischen oder kämpfen, sie müssen kein auffälliges Verhalten entwickeln, um beachtet zu werden. Kinder dieser Eltern kennen von Anfang an Regeln, daher haben sie weniger Schwierigkeiten, gesellschaftliche Regeln, mit denen sie im Kindergarten oder in der Schule konfrontiert werden, zu verstehen und zu befolgen. Das hilft ihnen dabei, sich in die Gruppe Gleichaltriger einzugliedern und Freundschaften zu knüpfen. 

 

Eltern dieser Kinder tragen gerne die Verantwortung. Eltern dieser Kinder sind sich ihrer Erziehungspflicht bewusst und wälzen diese nicht an Pädagogen im Kindergarten oder Lehrer an der Schule ab. Eltern dieser Kinder helfen ihren Kindern dabei, ihre Leistungen in der Schule wichtig zu nehmen und diese zu erreichen. Kinder dieser Eltern fühlen sich dadurch wohler in der Schule und entwickeln keine körperlichen Symptome, die auf Schulstress oder sogar Angst vor der Schule zurückgeführt werden müssen. 

 

Quellen:

 1) Diem-Wille, G. (2004): Psychoanalytische Aspekte der Schwangerschaft als Umgestaltung  der inneren Welt der werdenden Eltern. In: Psychotherapie Forum (Heft 12), 130-139

 2) Tschöpe-Scheffler, S. (2005): Unterstützung der elterlichen Erziehungskompetenz durch  Elternbildungsangebote. In: Sozialextra (Heft 4), 11-14

 3) Fingerle, M. (2010): Risiko, Resilienz und Prävention. In: Kißgen, R., Heinen, N. (Hrsg.):  Frühe Risiken und Frühe Hilfen. Grundlagen, Diagnostik, Prävention. Klett-Cotta: Stuttgart,  148-158

 4) Ahrbeck, B. (2010): Erziehungsnotwendigkeiten und Bruchstellen der Entwicklung. In:  Ahrbeck, B., Willmann, M. (Hrsg.): Pädagogik bei Verhaltensstörungen. W. Kohlhammer Verlag:  Stuttgart, 215-225